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Sankt Martin und der Torhund

 

Jeder kennt die Geschichte von Sankt Martin, wie er so freundlich seinen Mantel mit dem Bettler teilte, der am Stadttor saß. Aber nur ganz wenige wissen, wie es dabei wirklich zugegangen ist und drum will ich Euch heute diese Geschichte erzählen.

Der Bettler am Stadttor von Tours hatte einen Hund, ein kleines, struppiges graugelbes Tierchen, das ihm irgendwann zugelaufen war. Der Bettler war ein gutherziger Mann und immer, wenn er von den Reisenden ein paar Sesterzen bekam, kaufte er davon nicht nur Brot und Wein für sich selbst, sondern auch bei dem Fleischer hinter dem Tor ein Stückchen Fleisch und einen Knochen für sein Hündchen. Er hatte das Tierchen Merkur getauft, das war der Gott der Reisenden und der Diebe, und er hatte ihm einige Kunststücke beigebracht, um damit die Vorübergehenden zu erheitern. Bei den Wachsoldaten am Tor war er auch sehr beliebt, denn er vertrieb ihnen mit Merkur oft die langweiligen Wachstunden und wenn er, was alle heilige Zeit einmal vorkam, nicht nur eine Sesterze sondern einen Denar geschenkt bekam, kaufte er soviel Wein, dass auch die Wachsoldaten einen Becher voll bekamen.

So standen die Dinge, als an einem trüben, kalten Herbstabend eine Kohorte römischer Soldaten unter Anführung des Centurio Martinus nach Tours zurückkehrte. Sie hatten einen langen und anstrengenden Marsch hinter sich und die Feldübung, zu der sie kommandiert worden waren, war auch nicht gerade angenehm gewesen, so dass alle froh waren, als endlich das Stadttor in Sicht kam. Die müden Männer beschleunigten ihren Schritt und auch das Pferd des Centurio Martinus ging flotter, so als wittere es schon die gefüllte Krippe. Der Bettler saß wie üblich auf einem Stein an der Straße, ein gutes Stück vom Tor entfernt. Als er die Kohorte kommen sah, hob er flehend die Arme und rief: "Nur einen Denar, einen einzigen Denar für einen armen, alten Mann!" Das war zugleich das Signal für Merkur, sich auf die Hinterbeine zu stellen und mit den Vorderpfoten ganz artig Bettelbewegungen zu machen. Die müden Soldaten mussten lächeln, aber Geld hatten sie keines bei sich. "Centurio, nur einen einzigen Denar, ich flehe euch an, ich habe seit drei Tagen nichts gegessen!" Martinus, der damals noch nicht der heilige Martin war, der es aber unter anderem bei dieser Gelegenheit wurde, tat der Mann leid. Er lächelte ihm zu und sagte "Guter Alter, es tut mir leid. Meine letzte Sesterze hat mir der Halsabschneider von Brückenwirt für einen Becher gewässerten Weins abgenommen. Es tut mir leid, ich habe nichts mehr bei mir". Solche Worte hörte nun der Bettler tagein tagaus, wenn die Leute ihn überhaupt eines Wortes würdigten. Und für solche Fälle hatte der Bettler seinem Hund ein ganz besonderes Kunststück beigebracht. Er hatte ihn gelehrt, ganz vorsichtig mit den Zähnen die Tunika oder die Toga der Vorübergehenden zu ergreifen und dabei ganz jämmerlich zu jaulen. Und wenn das geschah rief der Bettler jedes Mal: "Habt wenigstens Erbarmen mit dem unschuldigen Tier, mein lieber Hund verhungert schier...". Und die meisten Leute ließen sich dann erweichen, schon weil sie um ihre Tunika oder Toga fürchteten.

Das Kommando für dieses Kunststück aber war der Satz: "Edler Herr", oder "edle Dame", je nachdem, wer vorüberging, "Edler Herr, begreift doch, wie weh der Hunger tut!" Es war das Wörtchen "greif", das der Bettler jedes Mal mit einer besonderen Betonung sprach und das den Hund Merkur dazu veranlasste, sich das Kleidungsstück des Vorübergehenden zu "greifen".

So machte es der Bettler auch an jenem Herbstabend. Zwei Dinge konnte er allerdings nicht wissen: Das eine war, dass der heilige Martin wirklich keine Sesterze mehr im Beutel hatte – schließlich lügt ein Heiliger nicht, wenn er nicht unbedingt muss und schon gar nicht, um einen Bettler abzuwehren. Und das andere war, dass der heilige Martin, der sonst ein sehr tapferer Mann war, eine ganz schreckliche Angst vor Hunden hatte.
Als nun Merkur auf ihn zusprang und mit den Zähnen den Zipfel des Mantels ergriff, der über den Rücken des Pferdes weit herunterhing, da erschrak Martinus so sehr, dass er ganz unabsichtlich seinem Pferd die Fersen in die Seite stieß, so dass es einen mächtigen Satz machte. Aber weit entfernt davon, loszulassen, verbiss sich Merkur erst recht kräftig in den Mantel, so sehr, dass er völlig von den Pfoten gehoben wurde, als das Pferd noch einen Satz machte, und das war auch gut so, sonst hätte das Pferd ihn möglicherweise getreten.

Martinus wurde bleich als er sah, dass der Hund sich nicht abschütteln ließ. Er zog sein Schwert mit der Absicht, damit nach dem Hund zu schlagen – denn schließlich war er immer noch tapfer, auch wenn er an Hundefurcht litt. Aber da sprang ein Wachsoldat vom Tor her auf ihn zu: "Nein, Herr, nicht! Nicht Merkur!" schrie er, weil er glaubte, Martinus wolle den Hund töten. Das hatte der aber gar nicht vorgehabt – er hatte nur mit der flachen Klinge nach dem Hund schlagen wollen, um ihn zu vertreiben – denn schließlich bringt ein Heiliger auch einen Hund nicht einfach um, solange er noch andere Mittel hat.

Merkur hing aber immer noch fest an dem Mantelzipfel und jetzt fing er sogar kräftig an zu knurren, um Martinus klarzumachen, dass er nicht so einfach aufgeben werde. Da kam dem heiligen Martin die rettende Idee – denn in schlimmen Situationen haben Heilige dann doch meist die richtigen Gedanken. Er bohrte sein Schwert in den Mantel und trennte mit einem entschlossenen Schnitt die untere Hälfte ab, an der Merkur noch immer knurrend hing. Die letzten Zentimeter zerfetzte Merkur mit einem entschlossenen Ruck und rannte mit seiner Beute zu seinem Herrn, das große Stück des Soldatenmantels hinter sich herschleppend.

Die Soldaten der Kohorte brachen in schallendes Gelächter aus. Martinus, von dem Hund befreit und wieder ganz der würdevolle Centurio, drehte sich zu seinen Soldaten um und warf ihnen einen strengen Blick zu, worauf sich das Gelächter ein klein wenig legte. Dem Bettler rief er zu: "Ich habe zwar kein Geld bei mir, aber mein halber Mantel wird dich ein wenig wärmen!" Dann wandte er sich an den Soldaten, der ihm am nächsten stand und sagte: "Heute Abend im Quartier sammelst du von jedem Mann eine Sesterze oder ein Stück Brot oder Fleisch ein und bringst es diesem armen Mann." Der Soldat nickte – nicht gerade begeistert, aber immerhin, schließlich hatten sie alle über Merkurs Streich herzlich lachen können.

Sankt Martin aber ritt nach Tours hinein und hörte den Bettler noch hinter sich herrufen: "Gott vergelte Euch diese großherzige Spende, Gott vergelte Euch Eure gute Tat!"

Ja, so ist es zugegangen, als Sankt Martin seinen Mantel teilte. Leider haben die Maler und die Bildhauer, die die Szene so oft dargestellt haben, immer vergessen, Merkurs Anteil zu würdigen. Aber wir wissen jetzt, wie viel er dazu beigetragen hat, dass aus Martinus schließlich Sankt Martin wurde.

 

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