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Charly, mein großartiger Freund

 

Irgendwann, ich glaube es war 1986, bin ich mit meinem damaligen Freund nach Jugoslawien in Urlaub gefahren. Eigentlich hatte ich gar keine Lust auf das Land, aber im Nachhinein bin ich sehr froh, mich darauf eingelassen zu haben, denn so lernte ich Charly kennen.

Schon am 2. Urlaubstag beobachteten wir Straßenhunde, die entweder einzeln oder manchmal auch im Rudel durch die Straßen zogen. Immer auf der Suche nach etwas Essbaren und immer auf der Hut vor den Menschen, die sie mit Stöcken und Steinen verjagten. Einer dieser Hunde, mit der kleinste unter ihnen, hatte irgendetwas an sich, was meine Aufmerksamkeit immer wieder auf ihn zog. Immer, wenn ich ihn alleine sah, versuchte ich ihn zu locken. Ich hatte keine Chance. Er hörte zwar zu, aber nur in einem gewissen Sicherheitsabstand. Eine Bewegung in seine Richtung, egal wie vorsichtig, und er zog sich sofort zurück.

Ich bin mit Tieren aufgewachsen und zur Tierliebe erzogen worden, daher taten mir die Tiere alle sehr leid. Ich begann also Futter zu kaufen. Natürlich gab es im damaligen Jugoslawien kein Hundefutter. Ich kaufte also Rinderhack etc. in der Metzgerei. Beim ersten Mal stellte ich mich mitten ins Rudel und verfütterte einige Kilo Hackfleisch. Ich erinnere mich noch genau an den Rudelführer, ein rotschwarzer Schäferhundmix. Sogar seine Nase hatte diese rotschwarze Färbung. Er war wunderschön und recht groß. Nachdem ich aus dem Rudel herausgetreten war, machte mich mein Freund auf die nicht ungefährliche Situation aufmerksam. Die Hunde hätten auch anders reagieren können und mich evtl. sogar anfallen könnten, nachdem nichts mehr zu Fressen da war. Daran hatte ich überhaupt keine Sekunde gedacht.

Charly war immer der, der am wenigsten zu Beißen bekam. Die anderen waren schneller und dominanter als er. Er hielt sich auch hier im Hintergrund. Ich versuchte von da an, ihn gesondert zu füttern. Dies gelang mir, weil ich mich immer, wenn ich ihn traf, auf den Boden setzte und mit ihm redete. Nicht nur ein paar Worte, sondern wirklich manchmal eine halbe Stunde lang. Er legte sich mir ca. 2 Meter gegenüber (mit gekreuzten Beinen) und hörte mir sehr aufmerksam zu. Irgendwann war er immer bei uns und schlief auf dem Balkon. Dort bekam er dann auch Futter und Wasser. Irgendwann durfte ich ihn streicheln. Ich habe beobachtet, wie er an einem anderen Haus auch um Futter bettelte. Die Leute dort hatten einen eigenen Hund, so ging ich davon aus, sie gäben auch Charly etwas ab. Weit gefehlt! Der Besen wurde geholt und Charly bekam beinahe eins über. Er war zum Glück schneller. Wahrscheinlich kannte er das schon. Kein Wunder, dass es so lange dauerte, bis er mir vertraute.

Schließlich kam unser letzter Urlaubstag. Mir war ganz komisch, denn ich wohnte damals noch bei meinen Eltern. Wir hatten einen Kater und mein Vater, der Hunde zwar sehr mochte, stimmte keinesfalls zu, einen Hund zu halten. Er befürchtete, dass meine Mutter dann diejenige sein würde, die sich um ihn kümmert. Die Eltern meines Exfreundes hatten nur eine kleine Wohnung und auch er wohnte noch dort. Wir wollten aber Charly keinesfalls in Jugoslawien lassen. Das hätte mein Herz und mein Gewissen nicht zugelassen. Also kauften wir einen Gürtel, bastelten Halsband und Leine, lockten Charly mit Futter in den VW Käfer. Die Rückbank war umgelegt und wir hatten einen Schlafsack ausgebreitet. Und dann fuhren wir einfach los. Kein Impfpass und voller Hoffnung, an der Grenze nicht angehalten zu werden. Charly war höllisch aufgeregt. Er hechelte lange Zeit so stark, dass ich dachte, er schafft es nicht und wir müssen ihn zurückbringen. Dann musste er sich auch noch übergeben, der Arme. Dann war aber alles gut und er legte sich hin und schlief. Danach war es, als würde er schon immer Autofahren. Er war ein richtiger Clown. An der Grenze nach Deutschland saß er zwischen den beiden Rücklehnen der Frontsitze und – das ist wirklich kein Witz – legte seine Vorderbeine, einen links und einen rechts auf die Lehne. Er sah aus wie der Chef und die Grenzer winkten uns einfach durch. Welche Erleichterung.

Die Reaktion sämtlicher Eltern beschreibe ich hier nicht, aber es hat nicht wirklich sehr lange gedauert, bis Charly alle auf seiner Seite hatte. Selbst unser Kater hat sich nicht an ihm gestört. Wir suchten dann aber schnell eine Wohnung und fanden auch eine, sogar mit Garten. Es war also praktisch alles perfekt. Charly wurde untersucht, aber außer Vitaminmangel war nichts ernstes festzustellen und das würden wir beheben.

 

Man schätzte ihn damals auf ca. 2 bis 2,5 Jahre und vermutete eine Beagle-Husky-Mischung. Er hatte ein blaues und ein braunes Auge und war eine Seele von Hund. Er war recht schnell stubenrein und ich konnte ihn, da er sehr auf mich fixiert war, auch ohne 'Erziehungsmaßnahmen' ohne Leine laufen lassen. Er war der Mittelpunkt unseres Lebens, allerdings denke ich, wir waren der Verantwortung noch nicht wirklich gewachsen.

 

Es kam der Tag, der für mich einer der schlimmsten Tage war. Mein Exfreund sperrte ihn nachts manchmal ein, weil er es nicht mochte, dass Charly sich ins Bett legte. Ich erinnere mich, dass Charly sich früh morgens irgendwann bemerkbar machte. Wir haben nicht, bzw. zu spät reagiert. Er musste wohl dringend raus. Nachdem wir ihn also nicht zum richtigen Zeitpunkt raus ließen, machte er, wohl auch aus Protest, ein etwas größeres, weiches Häufchen auf die Turnschuhe von M.. Als er dann ins das Zimmer ging, ich lag noch im Bett, und das Malheur sah, muss er Charly vor den Kopf getreten haben. Ich kann es nur vermuten, denn ich war im anderen Zimmer und hörte nur, wie Charly aufschrie und dann zu mir gerannt kam. Der Schwanz eingeklemmt und völlig verstört, nur noch mit einem Auge entsetzt hinter sich schauend. Sein anderes Auge tränte und er hielt es geschlossen.

 

Ich bin völlig ausgerastet und auf M. losgegangen. Dann bin ich mit Charly zum Tierarzt. Dummerweise war es Wochenende und ich musste zum Notdienst. Das war dann der 2. Fauxpas. Dieser Arzt hatte, als er mir öffnete, eine leichte Alkoholfahne. Er traute sich gar nicht richtig an Charly ran und zwang mich, ihm die Schnauze mit Mullbinde zuzubinden, damit er ihn nicht beiße. Ich habe versucht, ihn zu überzeugen, dass Charly alles, nur nicht beisst – keine Chance. Ich wollte nur noch, dass er meinem Hund endlich half. Er schaute sich das Auge kurz an und gab mir eine Salbe. Ich solle das untere Lid runterziehen und einen Strich Salbe ins Auge geben. Das tat ich natürlich brav jeden Tag zweimal. Das Auge wurde aber irgendwie nicht besser, sondern wurde auch noch dick. Ich fuhr kurzerhand nach ein paar Tagen in die Tierklinik Gießen. Dort wurde der Augendruck gemessen und festgestellt, dass dieser viel zu hoch sei.

 

Charly musste operiert, das Auge (sein blaues) entfernt werden. Die Salbe hatte den Tränenablaufkanal verstopft. Es war also auch meine Schuld, denn ich hatte einem falschen Arzt vertraut. Wäre ich gleich in die Klinik gefahren, hätte man das Auge vielleicht retten können.

 

Charly überstand die OP aber trotzdem sehr gut und sein Charakter veränderte sich trotzdem nicht. Er war ein wundervoller Freund und ich liebte (liebe) ihn noch mehr. Leider habe ich mich nicht gleich von meinem Ex getrennt. In diesem Alter ist man wohl noch zu unerfahren und blöd. Erst, als ich auch ab und an aufgeplatzte Lippen oder Kopfschmerzen hatte, habe ich mich getrennt. Charly blieb natürlich bei mir.

Ein paar Jahre lernte ich einen neuen Partner kennen, er war Grieche. Ich erwähne das nur, weil ich durch ihn in ein griechisches Restaurant in Wiesbaden kam. Wir waren dort schon Stammkunden, als mich Costa, der Besitzer, ansprach und fragte: „Du bist doch so tierlieb. Mein Kellner hat zwei Katzenbabies von ca. 6-8 Wochen und hat keine Zeit dafür.“ Gianni, der Kellner, holte die beiden und ich sah meine Shiela! Eine wunderschöne Katze. Ich nahm sie auf den Arm. Sie kuschelte sich rein, als gehöre sie schon immer dorthin. Selbst als wir heim fuhren, rührte sie sich nicht. Ihre pechschwarze Schwester wurde ebenfalls von einer anderen Restaurantbesucherin mitgenommen. Zuhause angekommen war ich gespannt auf Charlys Reaktion. Diesmal war er ausnahmsweise zuhause geblieben, sonst war er eigentlich immer mit.

 

Ich setzte Shiela runter und er freute sich richtig über eine Spielkameradin. Er beschnupperte sie, leckte sie ab und Shiela wusste nicht, wie ihr geschah. Wer war denn dieses große Ding? Es war keine Katze, aber schlabberte dauernd an ihr rum. Sie fauchte, was das Zeug hielt. Charly lies sich nicht beirren. Irgendwann gab Shiela auf und seitdem waren die beide ein Herz und eine Seele. Sie lagen zusammen auf der Couch, aneinandergekuschelt. Wir fuhren mit Hund und Katze in Urlaub. Es war echt toll. Die Katze ist immer noch bei mir, zusammen mit zwei anderen Katzendamen Shari und Domino. Diese beiden sind etwa genauso zu uns gestoßen. Das mag wohl mein Schicksal sein.

 

 

Der Tag, an dem Charly von mir ging, wird einer der schwärzesten in meinem Leben bleiben. Er hatte im Alter von ca. 12 oder 13 Jahren, so genau kannte ich sein Alter ja nicht, angefangen, Urin und Kot nicht mehr richtig halten zu können. Früher hatte es ihm nichts ausgemacht mit Shiela den ganzen Tag zuhause zu bleiben. Ab und an kam meine Mutter oder ein Schüler, der mit Charly Gassi ging. Inzwischen war er aber ein alter Herr, der z. B. nicht raus wollte, wenn es regnete. Mein Teppich sah schrecklich aus, aber ich versuchte es mit Medikamenten. Leider schlugen die aber nicht an. Jörg, mein Tierarzt (ist er immer noch!) untersuchte Charlys Blut und stellte fest, dass die Leberwerte sehr schlecht seien. Ich fragte, ob ich ihn vielleicht abgegeben solle an eine ältere Dame, die öfter mit ihm rausgeht und immer bei ihm ist. Jörg riet mir davon ab, denn er befürchtete, dass Charly dann sterben würde, weil er mich vermissen würde. Ich versuchte es noch weiter, aber die Zeit des Abschieds war gekommen. Jörg kam zu uns in die Wohnung und ich nahm Charly in den Arm. Erst bekam er die Beruhigungsspritze, dann die Spritze ins Herz. Ich werde niemals seinen Blick vergessen, der mich zu fragen schien, warum tust Du das? Ich wollte doch noch bei Dir sein? Warum schickst Du mich weg? Das, was ich fühle, wenn ich daran denke und wenn ich an meinen Charly denke, kann ich in Worte nicht fassen. Mein Herz krampft sich zusammen und ich muss weinen, ich könnte schreien, so weh tut das. Er war ein großartiger Hund und mein bester Freund. Ich habe viel falsch gemacht, hab ihn manchmal auch angebrüllt, wenn er auf den Teppich machte, obwohl ich wusste, er kann ja nichts dafür. Ich bereue es so sehr und ich hoffe, mein Charly weiß, wie sehr ich ihn geliebt habe und immer noch liebe, für immer lieben werde. Ich habe ihn danach noch gute 1 – 2 Stunden auf dem Arm gehabt. Er wurde im Garten meines Elternhauses begraben.

Inzwischen habe ich einen Mann an meiner Seite, mit dem ich hoffentlich zusammenbleibe. Meine Miezen lieben ihn ebenso wie ich und er sie auch. Manchmal holen wir uns die Hunde meiner Freundin und gehen gemeinsam laufen. Ich engagiere mich auch im Tierschutz und wenn ich die armen Schicksale sehe, möchte ich sie am liebsten alle zu mir holen. Das geht natürlich nicht. Ich weiß, irgendwann werde ich in zwei Hundeaugen sehen und diese Augen werden mir sagen, „Hey – ich bin’s. Nimm mich mit und lass uns ein Stück Weg gemeinsam gehen.“ Und dann werde ich auch wieder einen Hund an meiner Seite haben.

Diesmal, das nehme ich mir ganz fest vor, mache ich alles richtig.
Bei meinen Katzen habe ich es schon bewiesen.

 

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