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Die Geschichte von Bulli Oskar

 

Vor einigen Monaten zog mein Bullterrier Oskar bei mir ein. Mein erster Bullterrier. Mein erster SoKa. Mein erster Hund überhaupt. Oskar brachte viele Probleme mit, die erst nach einiger Zeit sichtbar wurden.
Im Haus dreht er sich stundenlang im Kreis und beißt sich in Schwanz und Pfoten, ist dann kaum noch ansprechbar.
Deprivationssyndrom, nennt man das. Auf Grund von einer extremen Vernachlässigung durch seine Vorbesitzer.

Also ging ich mit ihm zum Tierarzt. Dort sagte man mir, dass ich noch sehr hohe Kosten mit ihm haben würde. Ich willige in jede, noch so teure Untersuchung ein.
"Der hat aber Glück, bei ihnen gelandet zu sein", sagen die Tierärzte.

Ich habe eine Krankenversicherung abgeschlossen, damit wenigstens ein paar Kosten aufgefangen werden. Ich habe das große, teure Versicherungspaket abgeschlossen.
"Na damit hat ihr Hund aber ein Glück", sagte die Dame von der Versicherung.

Oskar muss eine spezielle Diät machen, wegen seiner Haut. Er darf nur noch Pferdefleisch und Kartoffeln bekommen. Also kaufe ich Unmengen an Kartoffeln und noch mehr Pferdefleisch. Ich lasse stundenlang den Backofen laufen, um das Fleisch zu trocknen und ihm kleine Leckerlis zu machen.
"Boah, da hat dein Hund aber Glück mit dir", sagen meine Freunde.

Das Fleisch kaufe ich in einer speziellen Hundemetzgerei. Ich bestelle es kiloweise vor, damit es auch schön zart und mager ist. Jede Woche stehe ich in der Metzgerei und kaufe das Fleisch.
"Na da hat ihr Hund aber Glück, dass er von ihnen so verwöhnt wird", sagen die Mitarbeiter dort.

Ich bin auf Anraten der Tierärzte mit ihm zur Physiotherapeutin gegangen. Dort konnte er vor lauter Stress und Dreherei aber kaum untersucht werden. Ich war geduldig mit ihm und habe versucht, ihn zu beruhigen.
"Oskar hat aber wirklich Glück mit ihnen", sagte die Therapeutin.

Eine Trainerin kommt einmal die Woche zu uns, um mit mir an seinem Verhalten zu arbeiten. Ich befolge alle ihre Ratschläge und Trainingsanweisungen, so gut es geht. Ich habe ihm eine faltbare Box und ein Türgitter gekauft, weil ihm das helfen soll. Ich habe ihm ein Geschirr maßanfertigen lassen, damit es gut sitzt und ihn nicht kneift beim Laufen.
"Oskar hat sooo ein Glück, bei dir gelandet zu sein", sagt die Trainerin.

Wenn uns Leute auf der Straße begegnen, die sich über sein Verhalten wundern, erkläre ich wieder und wieder, warum er sich so verhält und dass es viel Zeit kostet, bis er sich an ein Zusammenleben mit den Menschen gewöhnt.
"Da hat er aber Glück, dass sie sich so um ihn bemühen", sagen die Leute dann.

Wenn ich andere Hundebesitzer sehe, wie ihre Hunde auf Zuruf zu ihnen kommen, werde ich ein bisschen neidisch. Oskar kommt nicht, wenn ich ihn rufe. Er weiß nicht, was das bedeutet.
"Da hat der aber ein Glück, dass sie ihn nicht wieder abgeben", sagen die anderen Hundebesitzer.

Wenn mich fremde Leute auf der Straße beschimpfen, weil er ein Bullterrier ist, werde ich traurig. Ich versuche aber, ihn das nicht spüren zu lassen.
"Der Hund hat Glück, dass du ihn gefunden hast", sagt meine Mutter manchmal.

Um alles finanzieren zu können, habe ich einen weiteren Job angenommen, damit ich das Geld für seine Behandlungen und das Training zusammenkriege.

"Er hat Glück", sagen sie.
Aber sie liegen alle so falsch.

Wenn ich traurig bin, merkt er es manchmal doch. Dann legt er sich zu mir und kuschelt mit mir.
Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Wenn andere Hunde ihn anknurren und anbellen, knurrt er nie zurück. Er möchte dann trotzdem mit ihnen spielen.
Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Als ich ihn das erste Mal alleine ließ, hatte ich Sorge, er würde etwas kaputt machen. Doch er lag schlafend auf dem Bett und alles im Haus war noch ganz.
Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Beim Tierarzt lässt er sich bereitwillig untersuchen, wenn er gespritzt werden muss, oder Blut abgenommen bekommt, zuckt er nicht einmal.
Ich habe Glück, so einen Hund zu haben.

Wenn ich Besuch bekomme, freut er sich über jeden Menschen der reinkommt und ihn streichelt. Er liebt Menschen, obwohl er von ihnen so schlecht behandelt wurde.
Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Er ist ein schwieriger Hund und es wird noch lange dauern, bis wir stressfrei zusammenleben.
Doch auch wenn ich immer wieder traurig oder wütend bin, verzweifle und an meine nervlichen und finanziellen Grenzen komme, zeigt er mir jeden Tag aufs Neue, was es heißt, Glück zu haben.

Denn nicht er hatte Glück. Sondern ich.

 

 

Bulli Oskar auf Facebook

 

Der Beitrag von Oskar in der Sendung "Tiere suchen ein Zuhause" - WDR 12.01.2014:

Mediathek WDR

 

 

Auf Grund der hohen Nachfrage, ein paar (wichtige) Worte von meiner Trainerin:

Liebe Oskar-Fans,

ich als Trainerin würde gern zum gestrigen schönen TV- Beitrag noch etwas ergänzen. Wir haben in den letzten 8 Monaten sehr viel erreicht. Doch es liegt noch viel Arbeit vor uns. Was im Fernsehen nicht erläutert wurde, ist dass wir diese Fortschritte nur machen konnten, weil Oskar Medikamente bekommt. Dies ist ein ganz wichtiger Punkt, der einfach genannt werden muss. Abnormale, sich wiederholende Verhalten (wir können beim Hund nicht zwischen Stereotypien oder Zwangsverhalten unterscheiden) sind keine einfachen Verhaltensstörungen, die sich allein mittels Training beseitigen lassen. Die Medikamente, die Oskar bekommt, helfen, dass er überhaupt lernen kann.

Ich weiß, dass viele Hundehalter und auch Tierärzte gegen Medikamente aus dem Bereich der Psychopharmaka sind. Diese Skepsis entsteht oft aus Unwissenheit und Vorurteilen. Natürlich sind das keine Smarties, die man bedenkenlos naschen kann. ABER sie machen aus einem Dasein mit starken Verhaltensstörungen wieder ein Leben mit Qualität und ebnen Wege fürs Training. Unbehandelte Verhaltensstörungen wirken sich immens auf den Körper aus, was gern vergessen wird. Emotionaler Stress ist Gift, er schüttet viele Hormone aus, die auf Dauer der Gesundheit sehr schaden können. Das wissen wir schon aus der Humanmedizin. Der Mensch kann aber noch für sich selbst entscheiden, was er tut. Der Hund kann das nicht.

Mir ist auch nochmal sehr wichtig, zu betonen, dass man Verhaltensstörungen nicht einfach "korrigieren" kann. Ich las gestern in den zahlreichen Kommentaren so etwas. Das der eigene Hund auch kreiselt, in Trance fällt, o. ä. und dies vom Menschen "korrigiert" wird. Ich möchte die Art der Korrektur jetzt ehrlich gesagt gar nicht genau wissen. Charlotte bekam hier oft den Rat, sie solle einfach mal ordentlich durchgreifen, den Oskar anbrüllen oder ihm gar auf den Kopf hauen. Von Leinenrucken ganz zu schweigen. Abgesehen davon, dass solche Maßnahmen an keinem Hund angewandt gehören, ist dies bei Stereotypien absolut kontraproduktiv! Der Hund kann das Verhalten nicht bewusst steuern, wie soll er verstehen, dass er dafür eine aufs Maul bekommt? Stellt Euch vor, Ihr bekommt für jede Macke die Ihr habt, eine gescheppert. Was lernt ihr? Ihr zeigt das Verhalten in Anwesenheit des Strafenden nicht mehr. Aber Eure Probleme, Zwänge oder was auch immer werden sich andere Wege suchen, um an die Oberfläche zu kommen. Im Falle eines Hundes kann das katastrophale Folgen haben, wie Aggression gegen andere, Aggression gegen sich selbst (z. B. Extremitäten ankauen) oder total mentaler Rückzug.

Ich möchte daher bitten, versucht Euch in die Lage des Hundes zu versetzen und darüber nachzudenken, ob ihr auch so behandelt werden möchtet. Habt Ihr einen Hund mit solchen Verhaltensauffälligkeiten, sucht neben einem kompetenten Trainer auch einen guten Tierarzt mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie aus. Die normalen Tierärzte sind verständlicherweise damit überfordert, weil sie es gar nicht in ihrer Ausbildung lernen.

Wir haben Oskar auf Medikamente eingestellt und Kreiselanfänge aufgefangen mit auftrainierten Tricks wie das Anstupsen einer Hand und ihn so aus dem Kreiseln geführt.

Es geht IMMER und BESSER ohne Gewalt. Und es ist wichtig, die Schwere der Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen und dementsprechend zu behandeln. Verschweigen oder aussitzen wollen bringt nichts.


Gruß Regine Hochhäusler

www.hunde-weise.de

 

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